Neues von der Masterplaninitiative Kiel 100% klimaneutral 2050

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Der Fachworkshop Mobilität Teil II , Kiel im Januar 2017:

Arbeiten werden wir heute mit den Ergebnissen des Mobilitätsworkshops Teil 1 im November 2016. An diesem Tag wurden die maßgeblichen und aussichtsreichsten Stellschrauben des Bereiches Mobilität definiert und auf ihr Potential hin überprüft.

Heute geht es darum, diese Stellschrauben, durch die sich das Emissionsverhalten der Stadt Kiel aus dem Verkehrsaufkommen bis 2050 weitestgehend auf 0 ppm bringen lässt, mit den entsprechenden Maßnahmen zu ergänzen. Ist dies getan, geht es darum, die ersten Schritte der Umsetzung des Konzeptes zu planen. Die Workshopteilnehmer werden sich auch Gedanken darüber machen, wie sich die Umstellungen im Mobilitätsbereich auswirken werden auf die Politik, die Wirtschaft und den Handel, etc. Bis Mitte 2017 werden alle Bereiche des Masterplanes Klimaschutz verbunden. Dann wird der in den vielen verschiedenen Fach- und Bürgerworkshops zusammengestellte Masterplan das Stadtparlament passieren müssen.

Es gibt drei große Schwerpunkte in dem Konzept. Erstens: den öffentlichen Nahverkehr leistungsfähiger zu gestalten. Angestrebt wird ein Modus, bei dem beispielsweise das Hineinfahren in die Stadt mittels eines nahtlosen Überganges an Mobilitätsknotenpunkten und Folgehaltestellen gewährleistet ist, und wo im regelmäßigen Takt die Anschlussmöglichkeit besteht. Diese Art der Niedrigschwelligkeit für einen klimaneutralen Straßenverkehr durchzieht den gesamten Plan. Niemand soll mehr Gründe dafür finden können, warum es für ihn günstiger ist, doch das Auto zu benutzen, denn es ist (2. Schwerpunkt) die entscheidende Frage, wie stark der motorisierte Individualverkehr (MIV) zurückgedrängt werden kann. Dritter Schwerpunkt: die veränderten Antriebsarten wie Elektro – und Wasserstoffantriebe, die die Reduktion bis 2050 weiter an die 0% Marke heranbringen werden.

Die Stellschraube der Reduzierung der Wegelänge, also das, was Kieler, Pendler und Touristen am Tag zurücklegen, muss ebenso mit Maßnahmen gefüllt werden. Es geht darum, trotz einer wachsenden Stadt das Verkehrsaufkommen konstant zu halten. Das bedeutet im Klartext die Reduktion des MIV. Durchschnittlich legen die Kieler derzeit 14,8 km am Tag zurück (alle Verkehrsmittel). Desweiteren geht es um die Verkehrsmittelwahl. Vom Auto sollen die Bürger verstärkt auf den Umweltverbund (Bahn, Bus, Rad) „umsteigen“. Das ÖPNV Segment kann nach der Einschätzung der Workshopplaner insgesamt verdoppelt werden. Der motorisierte Individualverkehr (MIV)wäre auf diese Weise um 20 % reduzierbar, so die Prognose. Dabei steht für die Teilnehmer außer Frage, dass wichtige Kieler Verkehrsachsen noch ausgebaut werden müssen. Beim gesamten ÖPNV sind weitreichende qualitative Verbesserungen von Nöten, wie zum Beispiel die der Erreichbarkeit von Zielorten. Zusätzlich wird es darum gehen, den Binnen-, Durchgangs-, Ziel- und Quellverkehr der Stadt (z.B. Pendler) zahlenmäßig zu verkleinern, indem man den Besetzungsgrad der PKWs erhöht, und zwar von 1,3 Personen auf 1,5, das bedeutet eine Reduktion von 15%. Es sollen also mehr Mitfahrer in die Autos. Denkbar sind Konzepte der Ortsteil- oder unternehmensübergreifenden Koordination von Mitfahrten. Ein populäres Beispiel für innovative Ansätze sind die seniorenfreundlichen „Mitfahrbänke“, bei denen Autofahrern anhand einer Schildertafel der Zielort signalisiert werden kann.

Im letzten Reduktionspfad geht es dann um die flankierenden Maßnahmen für die Elektro- und Wasserstoffmobilität. Das sind die üblichen Baustellen wie E- Ladestationen, aber auch die Frage, wie in Kiel die Vorraussetzungen für eine Co2 freie Stromerzeugung für einen 100%igen klimaneutralen Verkehr geschaffen werden kann. Derzeit stellt die Stadt noch von Kohle auf Gas um. Das Gas ist jedoch immer noch ein fossiler Brennstoff und wird, wenn man die Wärmeversorgung mit hineinrechnet, lediglich eine Emissionsreduktion von insgesamt 70% erbringen können. Doch um diese Fragen wird es in einem eigenen Workshop gehen (Energieversorgung). Unter der Vorraussetzung einer Co2-neutralen Stromerzeugung sieht der Aspekt der Verkehrsmittelwahl eine Verringerung der Emissionen von 88% vor. Der Anteil der Gesamtproduktion erneuerbarer Energien muss dazu verdoppelt werden. In Schleswig Holstein gibt es dafür aufgrund der hohen Produktivität der Windkraft gute Vorraussetzungen, wobei Elektroautos generell weniger Energie verbrauchen als Benziner. Hierzu sind die Kieler Stadtwerke gefragt: „Wie lässt sich ein solches integriertes Klimakonzept zu jeder Stunde Co2 neutral darstellen?“ lautet die an den Energieversorger zu richtende Frage nun.

Die Arbeitsgruppe 1 ist mit der Reduzierung der Wegelänge betraut worden. Es geht um „Kiel – Stadt der kurzen Wege“. Oder mehr noch: „Kurze Wege in einer wachsenden Stadt“. Es besteht schnell Einigkeit, dass es unabdingbar sein wird, bei der Planung neuer Siedlungsgebiete oder Quartiere die ÖPNV Anbindung von vornherein zu planerisch integrieren. In den einzelnen Stadtteilen herrscht zudem heute eine hohe funktionale Trennung, wie zum Beispiel die von Wohnen und Arbeiten. Für dezentralere Arbeits- Wohn- und Einkaufstrukturen wirkt es sich günstig aus, wenn Wohnquartier und industrielle Bereiche nicht allzu fern voneinander geplant werden. Im Süden Kiels (Meimersdorf) wird es zum Beispiel ein Industriegebiet in der Nähe eines Wohngebietes geben. Diese Art der strukturellen Schwerpunktplanung hat die Kieler Stadtplanung bereits auf dem Schirm, sie sitzt mit am Tisch. Problematischer ist wohl der Bereich der Nachverdichtung im Innenstadtgebiet. Dabei wurde schon fast alles was möglich ist in zukünftige Planungen einbezogen.

Kiel ist eine wachsende Stadt und die komplexen Folgewirkungen von Bauvorhaben müssen gegeneinander abgewogen werden. Die Stadt möchte die Peripherie wegen der Energieeffizienz nicht allzu sehr weiterentwickeln, doch sprechen auch Energieeffizienzargumente für eine schonende Bebauung des Innenstadtbereiches, da die Attraktivität der Stadtteile die Anwohner im Quartier halten kann und so wäre ebenso Energie gespart, weil unnötige Fahrten reduzierbar sind. Allgemein kann man sagen, dass das Angebot im Quartier ausschlaggebend ist für die Verkehrsaufkommen hin zu anderen Orten, Stadteilen oder der Innenstadt. Ihm gilt deshalb ein besonderes Augenmerk weil die gegenwärtigen Strukturprobleme kleinerer Ortschaften (Verödung der Innenstädte) bezeugen, dass dies ein nicht einfaches Vorhaben ist. Die Leute ziehen gen Zentrum oder pendeln öfter dorthin, weil im eigenen Umfeld die nötigen Erledigungen nicht zufriedenstellend möglich sind. Andersherum treiben Gentrifizuierungsprozesse die Menschen vor die Stadttore, je mehr es werden, die die Mieten der Spekulaitonsobjekte nicht mehr zahlen können, desto höher fällt die Wegelänge und damit die Emissionskurve der Stadt aus. Die aktuelle Wohnungsnot zb. Bei den Studierenden zeigt die gleichen Auswirkungen.

Das Gespräch im Planungsteam dreht sich nun um die Versorgung der Bürger über große Einkaufszentren in der Peripherie. Die Möglichkeiten, in den Quartieren (auch fußläufige) Einkaufsmöglichkeiten anzusiedeln oder zu halten sind einem hohen Marktdruck ausgesetzt, da große Märkte ökonomische Vorteile haben. Wo möglich will das Planungsamt über Baugenehmigungen der Ansiedlung der Megamärkte auf der grünen Wiese entgegenwirken. Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind allerdings beschränkt, wenn die Stadt nicht der Gundstückseigentümer ist.

Dann gilt es, im Quartier, Carsharing- und Fahrradinfrastruktur ebenso, Verkehrsanbindungen zu optimieren. Der Ausbau der Carsharingfacilities wird sehr umfangreich ausfallen. Als Beispiel für ein gelungenes Mobilitätsmanagement ziehen die Workshopteilnehmer das Hamburger Modell heran, ein Konzept mit Leihfahradstationen über die gesamte Stadt verteilt. Fahrräder können jederzeit in Betrieb genommen werden und in Zielortnähe wieder zurückgelassen werden. Es sprechen keine praktischen Gründe gegen die Umsetzung dieses Konzeptes in Kiel. Die Stadt wird hierzu 1500 öffentliche Fahrradstellplätze errichten. Dieses Angebot wird kostenpflichtig sein. Es wird aber auch davon ausgegangen, dass in Zukunft private nachbarschaftliche Konzepte des Teilens im mobilen Sektor zur Anwendung kommen werden. Carsharing wird zukünftig in Planung und Bau von Quartieren einbezogen. Dies gilt auch für den Bestand. Hierzu vernetzen sich die Immobilienwirtschaft und Carsharinganbieter bereits.

Für eine nachhaltige Mobilität ist es entscheidend, dass die Bürger die Infrastruktur im Quartier nutzen und ausreichend vorfinden. Anreize, „für einen Liter Milch eben kurz über die Schnellstraße nach Raisdorf zu fahren“, sollen zurückentwickelt werden um die Nahmobilität zu stärken. Den Bedürfnissen älterer Bürger nach einer mobilitässchwellenarmen, befriedigenden Nahinfrastruktur soll ebenfalls entsprochen werden. Integrierte Infrastrukturkonzepte für Quartiere werden in Zukunft dafür sorgen, dass der MIV zurückgeht. Anreize im Quartier einzukaufen, zu arbeiten und diverses mehr finden eine Erweiterung durch den Kontakt der Masterplanakteure mit Firmen, beispielsweise Handwerkern die über ihr Angebot vor Ort das Mobilitätsverhalten der Bewohner zu steuern in der Lage sind. Bei der Stadtplanung im allgemeinen sollte auch darauf geachtet werden, dass institutionelle oder wirtschaftliche Einheiten auch örtlich eine Einheit bilden und nicht über die gesamte Stadt verteilt angesiedelt sind oder werden. Das System des Kieler Umsteigers und alle Knotenpunkte beim Wechsel des Verkehrsmittels des grünen Verbundsystems sollen zügig optimiert werden für ein reibungslos gleitenden Verkehr zum Arbeits- oder Wohnort. Ein Abbau von (Zugangs-)Barrieren schafft hier eine Reduzierung des MIV. Wünsche von Bürgern, autoarm zu wohnen werden bei den Quartierplanungen in Zukunft berücksichtigt werden.

Bei der Diskussion um die Reduktion des Verkehrsaufkommens wird auch der Ansatz autofreies oder verkehrsreduziertes Quartier verfolgt. Im Gespräch ist auch eine autofreie Innenstadt. An dieser Stelle ist geplant, das Gespräch mit dem Handel zu suchen, denn nach wie vor sind die Geschäftsleute der Ansicht, dass die Erreichbarkeit mit dem Auto und die Parkmöglichkeiten die wichtigsten Faktoren für den Umsatz sind. Masterplanteilnehmer sind aber der Meinung, dass statistisch hierfür eher der flanierende Fußgänger günstig ist, der öfter unterwegs ist um kleinere Einkäufe zu tätigen.

Eine wichtige Stellschraube ist eben das Parkplatzmanagement. Erstaunlich finden es die Teilnehmer, dass im Innenstadtbereich immer noch ein kostenfreies , subventioniertes Parken möglich ist. Solcherart Fehlanreize wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Bau neuer Parkmöglichkeiten wird zurückgefahren (Stellplatzschlüssel). Carsharing und Fahrgemeinschaften können in Zukunft Vorrangplätze oder Vergünstigungen eingeräumt werden. Diskutiert wurde hierzu die Option für Bauinvestoren, statt der Anforderung an sie von Seiten der Stadtverwaltung, Stellplätze vorzuhalten, könnte die Stadt von ihnen in Zukunft ein schlüssiges Mobilitätskonzept einfordern.

Eine andere Maßnahme kann sein, Parkplätze nur am Rande von Quartieren zu genehmigen. Allgemein wurde festgestellt, dass sich das Verhalten von Verkehrsteilnehmern auf vielerlei Art beeinflussen lässt. So kann die Entfernung eines neu gebauten Parkplatzes im Viertel darüber entscheiden, ob der Nutzer den Weg mit dem Auto antritt oder zu Fuß geht. Ebenerdige Fahrradstellplätze/-räume senken ebenso die Schwelle für den klimaneutralen Verkehr. Fahrradkeller sind hierzu weniger geeignet. Die Aufenthaltsqualität in den Stadteilen muss stetig verbessert werden. Das Mobilitätsverhalten der Bürger muss beobachtet und eingeschätzt werden zu einer Verbesserung und Erweiterung von Maßnahmen.

In den Stadtteilen wird sich das Klimakonzept an das Quartiersmanagement anbinden oder eigene Mobilitätsstationen anbieten. Es werden Mobilitätsknotenpunkte entstehen, wie Verleih-Fahrradstellplätze an den Bushaltestellen. Die Stadt Kiel wird den Ausbau der Fußwege weiter vorrantreiben. Die Bürger sollen unkompliziert von A nach B gelangen und das auch auf gut beleuchteten Wegen und sinnigen Querungen. Der Ausbau von Radwegen in großem Stil ist in Kiel bereits seit langem Konsens. Das gilt auch für die Fahrradtrassen. Das möglicherweise beispielgebende Modell der Rent a Bikes an der Kieler Universität ist derzeit noch ein Zuschussmodell. Hier wird erst einmal das Konzept geprüft werden. Die Stadt überprüft auch das Fußwegeachsenkonzept auf die Alltagstauglichkeit für den Weg zur Arbeit etc.. .

Die Maßnahmen, die im Workshop identifiziert wurden, werden zügig in die Umsetzungsphase gehen. Eine Kampagne wird die Einführung des Masterplanes in Kiel begleiten, denn den Bürgern wird er nicht politisch verordnet, sie sind die Akteure dieses Unternehmens. Neben den Informationen zu den geplanten Veränderungen in der Stadt wird die Kampagne eventuell über einen autofreien Tag dargestellt. Workshopteilnehmer haben zudem vorgeschlagen, eine mediale Präsentation mit dem Motto „So schön könnte Kiel sein“ (ohne Autos) zu machen. Nach dem Mehrwert dieser Maßnahme der Masterplaninitiative für die Bürger gefragt, antworteten die Teammitglieder, dass der gesundheitliche Effekt einer Reduktion von klimaschädlichen Emissionen eigentlich das wichtigste Argument für eine verkehrsarme Stadt seien. Und das Gefühl, in einer lebenswerten Umgebung wohnen zu dürfen, besonders für die Kinder der Stadt.

In diesem Monat noch finden zwei Bürgerworkshops der Masterplaninitiative Kiel klimaneutral 2050 statt (klimaneutraler Alltag, Mobilität). Anmeldung über http://www.kiel.de/klimaschutz

Text: Claudia Ring, Kiel

Diese Textversion gilt unter dem Vorbehalt einer ausstehenden inhaltlichen Bestätigung des zuständigen Masterplan Managements.

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