Nach der Enthüllung des VW Abgasbetruges begann eine riesige Presseschlacht. Die Medien hatten die Geschädigten schnell ausgemacht. Zwei davon waren an prominentester Position: die Reputation der Deutschen Wirtschaft in der Welt und der Ruf des VW Konzerns selbst. Natürlich war das nicht alles. Der Konzern hat enorme finanzielle Auswirkungen in Form von Entschädigungen und Strafzahlungen zu spüren bekommen. Und zu guter letzt darf man ja auch die VW Kunden, die mit der fehlgeleiteten Software ausgestatteten Autos wieder umrüsten lassen mussten, nicht vergessen. Mittlerweile dreht sich der Rummel um die gesamte Autobranche und die Meldungen über Lug und Betrug erreichen immer neue Höhen und Unglaublichkeiten.

Doch verwunderlich ist, dass das, worum es eigentlich geht – die Emissionen, die durch den Abgasbetrug frei geworden sind – und damit der Schaden an Luft und allgemein der Atmosphäre, in keiner Pressemeldung zu finden sind. Zumindest nicht als Klimaschaden. Denn, dies ist ja der eigentliche Skandal. Sie sind der eigentliche Grund, warum Richter in den USA den VW Konzern zu hohen Strafzahlungen verdonnert haben. In der öffentlichen Diskussion und der medialen Aufarbeitung kommt dieser Umwelt- und Klimaskandal gar nicht vor.

Auch Google und Co beziehungsweise deren Suchmaschinen schweigen sich zu dem Thema aus. Die Schadstoffbilanz des Abgasbetruges kommt in der öffentlichen Diskussion nicht vor. Die Emissionswerte deutscher Städte werden deutschlandweit erneut an den Pranger gestellt, und so sollte es ein einfaches Rechenexempel sein, zu ermitteln, wie groß der Schaden durch die fehlgesteuerte Software der Autobauer insgesamt war und noch ist. In den Städten werden seit Langem viel zu hohe Stickdioxidwerte gemessen. Dass die Dieselfahrzeuge daran einen erheblichen Anteilhaben, wissen wir. Und, ja, zugegeben, es wird über die schlechte Luftqualität diskutiert. Doch es geht um etwas viel Weitreichenderes.

Im Umweltrecht kommt in einem solchen Fall das Verursacherprinzip zur Anwendung. Polluter Pays. Doch wer hat beizeiten errechnet, wie hoch der Schaden für das Weltklima zu veranschlagen ist, um den verantwortlichen Autobauern und ihren Führungspitzen anhand dieser Zahlen die Rechnung zu präsentieren? Stattdessen lässt man sie mit hohen Abfindungen von dannen ziehen. Dass die Gerichte in den USA diesen Weg gehen ist ein Anfang, doch noch lange herrscht keine Klarheit darüber, wie wir angesichts der globalen Klimakatastrophe derartige Sündenfälle bewerten und ahnden. Wo ist die Zahl, die hierzu öffentlich präsentiert wird, während in den Medien der deutsche oder der europäische Beitrag zum Klimaschutz diskutiert werden?

Wichtig ist aber doch, einmal festzuhalten, was die Gewichtung der öffentlichen Debatte bedeutet. Sie bedeutet ´Germany runs for business` – ÖKOLOGISCHE FOLGESCHÄDEN – völlig irrelevant. Was wurde nach der Entdeckung des Abgasbetruges gemacht? Man schob sich gegenseitig die Schuld für die Fahrlässigkeit zu bei der Überprüfung von Abgasnormen und stellte Kompensationen und Weiterentwicklungen in der Elektro Autobranche in Aussicht. Den Klimaschaden durch den Abgasbetrug zu bilanzieren, hat nie zur Diskussion gestanden.

Eines aber zeigt die retrospektive Presseschau ziemlich deutlich, welche Prioritäten wir setzen. Es geht um Geld, um den guten Ruf, um Konzerne und Arbeitsplätze, und darum, Scheindebatten zu führen über Verantwortlichkeiten bzw. Schuld – lenkt alles so schön ab. Es ist anscheinend enorm wichtig, wie hoch der finanzielle Schaden in Ziffern ist und wieviele Autos mit unentdeckter Betrugssoftware auf den Markt geraten konnten. Es ist enorm bedeutsam, wie hoch die Entschädigungen und Strafzahlungen ausfallen und vor allem, welcher Manager die Sache zu verantworten hat. Wie konnte das geschehen – lamentieren die Blätter.

Die Energiewende- und Klimaschutzszene selbst ist fast ebensowenig bereit, den Schritt zum Systemwechsel zu denken. Die Foren im Internet zeigen besonders deutlich eigentlich nur dies: ´das Höher, Schneller und Weiter` des ökonomischen Systems aus dem 20. Jahrhundert, das uns als Wachstumsparadigma bekannt ist und der Welt die globale Klimakathastrophe eingebracht hat, wird fortgesetzt. Nur eben mit klimaneutralen Elektroautos und erneuerbaren Energien. Die Fortschreibung dieses ´Mottos´ und der eingesclagene technologischen Weg zu einem wirksamen Klimaschutz ist jedoch in ihrer Eindimensionalität und in ihrem ´weiter wie bisher´nicht annähernd das, was der erforderlichen Lernkurve in Sachen Treibhausemissionen und Klimaschutz entsprechen muss. Um den Systemwechsel in eine nachhaltige Zukunft einzuleiten, muss zunächst ein Bewusstsseinsprozess vonstatten gehen, bei dem alle Akteure und alle Bürger den Gesamtplan erkennen können. Ohne mediale Aufarbeitung in der korrekten Sachlogik – hier am Beispiel Abgasskandal – wird aus diesem Bewusstseinswandel jedoch nichts werden.

Die Menschen denken dabei gar nicht egoistisch, wie man meinen könnte. Nein, im Gegenteil, sie haben sich selbst völlig vergessen. Ihre eigenen Interessen – denn es geht uns anscheinend gar nicht darum, für unsere Lebensgrundlagen und die nachfolger Generationen auf der Erde zu sorgen. Die Prioritäten die unserem Wirtschaften zugrundeliegen, sind die wirklichen Ursachen des Abgasskandals. Der Geschädigte für Jahrtausende: die Erdatmosphäre und das globale Klima.

text: Claudia Ring, freie Klimajournalistin, Kiel (update 02.08.2017)

 

 

 

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